Letzte Position:
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Breite:
8° 49.2' S
Länge:
140° 03.8' W
Ort:
Baie Anaho, Nuku-Hiva, Marquesas
Datum/Uhrzeit:
20.05.2018
10:10 UTC-9:30
Wettermeldung:
vom
20.05.2018 08:40 UTC-9:30
30 °C
Mäßige Brise aus Ost

Segeln mit 2 kleinen Jungs

Same-Same, but different

Dass wir keine geborenen Seemänner sind wussten wir natürlich und ohne schnellen Zugang zum Meer ist das Seemannszeugnis wohl auch als Erwachsener schwierig zu bekommen. Natürlich haben wir einen Segelschein, allerdings wird man mit 1-2 mal Bareboat Charter pro Jahr noch lange kein Seemann. Beim Chartern hatten wir meist ein Gruppe von 6-8 Erwachsenen mit, beim Anlegen heißt das jeder Mann ein Fender und ein Leine, bei Segelmanöver ziehen 2 Personen Schnürchen und einer kurbelt, in beiden Fällen bleibt der Rundergänger wo er ist - am Ruder. Es ist immer eine Hand frei, wenn man nicht gerade ein Mann über Bord Manöver fährt, läuft alles gemächlich und routiniert. Man steht morgens auf, macht sich fertig, wenn man Lust hat geht man Frühstücken oder holt kurz Brötchen. Wenn man spät abends im Hafen anlegt, stellt man den Motor aus, macht die Festmacher fest und geht in die nächste Kneipe oder setzt sich an Deck um noch einen Absacker zu trinken. So kannten wir Segeln und haben es geliebt. Die Eltern unter Euch können sich bestimmt schon vorstellen, dass Segeln mit 2 kleinen Kindern damit nicht mehr allzu viel gemein hat. Ich bin zwar noch nie Einhand gesegelt, aber dafür mit Kindern...

Wenn Jonathan Hunger hat und Joshua aufs Klo muss, gleichzeitig der Wind dreht und man kurz vor der Hafeneinfahrt steht, ist Action an Bord. Jeder hat mindestens 2 Aufgaben und es wird dann manchmal doch etwas hektisch. Angekommen ist an Kneipe kein Gedanke zu verschwenden, entweder gehts zum Spielplatz oder Strand, oder die Kinder müssen ins Bett. Wenn man Glück hat schläft man bei der gute Nacht Geschichte nicht ein und kann noch den sturmfreien Abend genießen. Von Bord gehen mit den 2 Kleinen ist ein längerer Prozess, bis man den Kinderwagen, Windeln, die Kinder in Schwimmwesten und das sonstige Geraffel im Dingi und man übergesetzt hat gehen schon mal 30 Minuten ins Land. Und wer will so was schon wenn die Kidies Hunger haben und quängeln? Ja Segeln mit Kids ist definitiv sehr anders als ein Erwachsenentörn, aber genauso schön mit der richtigen Ausrüstung:

Kids an Bord

Schwimmwesten

Unsere beiden Jungs haben beide je eine Feststoffweste und eine Automatikweste. Man kann natürlich auf eine der beiden verzichten, wir finden aber, dass beide ihre Vorteile haben. Die Automatikweste ist für Überfahrten deutlich sicherer und auch bequemer für die Kleinen, da sie die Bewegungsfreiheit nicht so sehr einschränkt. Da die Automatikweste bei Wasserkontakt auslöst und es im Hafen doch ab und zu mal nass werden kann, haben die Jungs hier die Feststoffweste an.

MOB Transponder

Ein Kind darf unter gar keinen Umständen über Bord gehen. Nicht nur des Ertrinkens wegen, sondern einfach weil man in den weiten des Ozeans schnell verloren geht und auskühlt. Selbst einen Erwachsenen findet man schon bei wenig Seegang schnell nicht mehr hinter den Wellenkronen. Kind-über-Bord wäre also der absolute Super-Gau. Deshalb sind die Kinder, wenn wir unterwegs sind, immer angeleint oder haben ihre Automatikweste an. Jede Automatikweste ist mit einem AIS Transponder bestückt, der bei Wasserkontakt die Position der Person an alle Schiffe im Umkreis sendet, so dass die im Wasser liegende Person dann hoffentlich geborgen werden kann. Der MOB ist unser letzten Rettungsnetz im Falle des Super Gaus, wir werden alles tun, dass er nie zum Einsatz kommt.

Relingnetz

Vielleicht nicht unbedingt ästhetisch, aber dafür erhöht unser Relingnetz meinen persönlichen comfort level erheblich. Durch die 5 mal 5 cm großen Lücken kann kein Kind über Bord gehen, somit sind zumindest die unteren 50cm an Deck Kinder safe. Das Netz haben wir komplett um Moyas Seezaun herum angebracht, die einzige Ausnahme ist die Bugspitze, hier war durch Segel, Anker und Leinen einfach nichts zu machen.

Lifelines

Die Kinder haben beide einen Brustgurt, eigentlich stammt der aus dem Kletterbedarf sowie auch unsere Karabiner und die Daisychains. Wir fanden die Gurte zum Bergsteigen deutlich bequemer, und die Sicherheitskarabiner einfach viel sicherer. Normale Karabiner wie sie beim Segeln oft verwendet werden, öffnen die Kids einfach und bevor man sich´s versieht stehen sie ungesichert da. Vom Klettern kannten wir Karabiner die man Drehen und gleichzeitig nach unten drücken muss bevor man entriegeln kann, bisher haben die sich bewährt und waren kindersicher. Zum Sichern reicht eigentlich ein ganz normales Seil aus, aber die Daisychains mit ihren vielen Ösen haben den großen Vorteil, dass man die Sicherungsleine bei Bedarf schnell kürzen kann.

Spielen

Bei unserem letzten Trip war Jonathan noch so klein, dass er keine großen Ansprüche gestellt hat. Joshua liebt Bücher und wir haben oft gelesen, Geschichten erzählt oder Hörbücher gehört, wenn Wind und Welle wie so oft gegen uns gelaufen sind. Außerdem ist er einfach eingeschlafen wenn es ihm zu heftig wurde. Auch dieses Mal ist Unterhaltung an Bord kein Problem, die Kinder spielen oft Rollenspiele und klettern im Boot herum. Zu Beginn der Passagen sind die Hörbücher für sie die beste Unterhaltung, da ich noch nicht lesen kann und alle noch ein bißchen KO sind bevor wir unserer Seebeine bekommen. Später wird eigentlich fast so gespielt wie vor Anker. Wir haben Brettspiele, Mal- und Bastelutensilien, Lego, Matchboxautos, Magnet- und Konstruktionsspiele dabei. Wenn der Bewegungsdrang gar zu groß wird, tanzen wir auch mal im Schiff oder machen eine kleine Sportsession. Auf den Spielplatz freuen sich die beiden natürlich trotzdem wenn wir wieder Boden unter den Füssen haben. Hier dürfen die Sandspielsachen auf keinen Fall fehlen.

Windeln

Joni trägt noch Windeln und eigentlich verwenden wir Wegwerfwindeln. Auf dem Ozean sind die Stinkbomben aber äußerst unpraktisch. Eine Wegwerfwindel zersetzt sich im Ozean erst nach 450 Jahren! Entsorgung auf See ist also keine Option. Wegwerfwindeln mit zum nächsten Hafen zu transportieren ist ein Option, wenn es denn da eine funktionierende Müllinfrastruktur gibt - was aber wenn man vor einer Koralleninsel vor Anker liegt? Außerdem fangen die Dinger an übelst zu Stinken - selbst wenn jede Windel einzeln verpackt wird und dann nochmal alle zusammen in einem Müllsack verstaut werden, der Ammoniakgeruch ist wirklich penetrant. Letztendlich haben wir nun Stoffwindeln angeschafft. Vor allem Christian war am Anfang eher skeptisch. Natürlich sind Stoffwindeln aufwändiger als Wegwerfwindeln, aber nicht so anstrengend wie wir gedacht hatten. Wir haben uns eine Windelwaschmaschine gebaut, ein einfaches Netz in das die Windeln kommen und das hinter Moya hergezogen wird. Danach werden sie nur noch mit Süßwasser gespült und fertig - gar nicht so schlimm.

Tragegurt/Kinderwagen

Wenn man mal im Stadthafen anlegt, ist ein Kinderwagen echt Gold wert. Er erhöht den Erkundungsradius beträchtlich, wenn die Kinder noch nicht so gut zu Fuss unterwegs sind, senkt den Nöl-Faktor und ist super um die Kinder auch unterwegs mal in den Schlaf zu bringen und das ganze Kinderequipment zu verstauen.

Wenn wir Platz für 2 Kinder brauchten oder wir gleichzeitig noch Einkaufen gingen, hat sich bei uns der Bollerwagen ganz gut bewährt. Der große Nachteil an Kinder- und Bollerwägen ist, dass wir oft im Gelände unterwegs waren in dem die Wägen signifikanten Balast darstellten und fast nicht zu gebrauchen waren. Auf unserem 3 Monatstörn war unser Kinderwagen immer dabei, auch auf unserem jetztigen Törn ist er dabei, wird aber kaum noch verwendet, da Joni inzwischen schon ganz gerne läuft und es das Gelände ohnehin nicht zulassen würde. Für den Fall das er müde wird, haben wir jetzt fast immer den Tragegute dabei, der ist auch am Strand und in den Bergen einsetzbar und ist auch nicht so viel Geschleppe beim Überseztzen mit dem Dingi. Außerdem haben wir ein Laufrad und einen Tretroller dabei. Wenn die Kinder damit unterwegs sind können wir sehr viel größere Entfernungen in kürzerer Zeit zurücklegen, zumindest dann wenn es das Terrain hergibt.

Ein sicherer Ort

Als Joni noch ein Baby war, hatten wir eine Hängeschaukel bei uns im Decksalon hängen, wo der Kleine gemütlich liegen konnte und trotzdem in unserer Reichweite war. Außerdem ist er auch gerne im MaxiCosi bei uns im Cockpit gesessen, ganz nah dran. Für Joshua hatten wir keinen Kindersitz dabei, sondern haben außen nur mit Leinen gearbeitet. Im Schiff haben wir an jede Koje Leesegel angebracht, wo die Kinder bei viel Seegang sich ohnehin freiwillig hinlegen. Wenn Christian und ich beide an den Segeln arbeiten oder bei Hafenmanöver, bleiben die Kinder meist im Schiff, entweder bei Joshua in der Koje, bei den ganzen Spielsachen oder im Decksalon, der Niedergang ist mit Schotten gesperrt. Nur bei ganz ruhiger See dürfen sie angeleint auch mal draußen im Cockpit sein, während wir auf dem Vordeck sind. Meistens funktioniert das ganz gut, wenn man von kleineren Zwischenfällen absieht, bei denen sich die Kampfhähne in die Haare gekriegt haben und dann mit viel Geschrei ausharren mussten, bis wir Moya gesichert haben.

Cruising mit den Kurzen

Nicht nur die Tide bestimmt den Tagesablauf, sondern auch die Kids. Bei unseren Erwachsenentörns sind wir oft tagsüber weite Strecken gefahren. Mit den Jungs haben wir das zunächste auch ausprobiert. Bei kurzeren Strecken ist das auch kein Problem, nur wenn die Kids große Teile des Tages an Bord verbracht hatten war zumindest Joshua unausgeglichen. Wir sind deshalb bei längeren Hüpfern dazu übergegangen erst gegen Mittag zu starten und in die Nacht hinein zu segeln und dann nachts anzulegen, wenn das möglich war. Wenn die Strecke noch weiter war sind wir nach dem Abendessen losgefahren und haben die Kinder unterwegs ins Bett gebracht. Das hatte den Vorteil, dass die beiden sehr schnell einschliefen und wir sie sicher wussten während wir durch die Nacht gesegelt sind. Am nächsten Morgen nach dem Anlegen gehörte der Tag den Kindern. Bei unserer Atlantiküberquerung waren wir 19 Tage und Nächte am Wasser, bei wenig Wind und moderater Welle. Die Kinder hatten sich rasch an die Bootsroutine gewöhnt und wussten genau, dass einer der Erwachsenen immer wach war. Nachts rief Joshua nicht Mama oder Papa sondern "wer ist gerade wach?". Morgens waren die Kinder immer zu Sonnenaufgang wach und haben die letzte Nachtwache mit mir zusammen gemacht bis dann Christian wach wurde und mit uns gefrühstückt hat. Die ersten 2 Tage waren die Kinder noch etwas zurückhaltend, haben viel geschlafen und Hörbuch gehört, danch war Moya ein schwimmender Spielplatz. Unsere Kinder waren nicht seekrank und für mich überraschend kam die Frage "wann sind wir endlich da?" überhaupt nicht. Ich hatte den Eindruck die Kinder hatten Spass an dem Leben auf See.